Die Stimmen

NEUANFANG

 

Ende 2015 war von Kanal nicht mehr viel übrig. Die Kinder, das Studium, das Geldverdienen und  anderes… Zudem war die  Besetzung des „Ich liebe Dich“ Albums Ende 2013 in eine Sackgasse geraten und hatte sich verflüchtigt.
Während meines Studiums an der UDK lernte ich Sarah kennen. Sie begleitete mich bei einer neuen Komposition auf einem Liederabend der Universität. Das Lied heißt: „Ein kurzes Leben lang“. Wir nahmen es wenig später in den Greve Studios Berlin auf und mein Freund Hannes Richter drehte ein Video dazu.
Stück für Stück wurde aus dieser Zusammenarbeit mehr. Mit Hannes Meyer und meinem Bruder Benjamin probierten wir einige neue Ideen. Später kam  Felix am Schlagzeug dazu.  Durch die beiden neuen Musiker und einigen grundsätzlichen Entscheidungen, wie zum Beispiel ganz auf eine verzerrte Gitarre zu verzichten und auch die Tasten auf einen Fender Rhodes Klang zu reduzieren, wurde der Kanalklang transparenter und eindeutiger. Kurioser Weise wurden wir durch die Begrenzungen  auch vielschichtiger.
Das neue Material spielten wir 2016 auf einigen Konzerten. Der Entschluss die neuen Lieder auf einem Album festzuhalten, war dann der logische, nächste Schritt.

DIE STIMMEN : Komponieren

Lag der Fokus bei dem Album „Ich liebe Dich“ noch auf einem alles umschließenden Klang – einem Kinoerlebnis – so waren die neuen Lieder schmaler, konzentrierter und nicht ganz so ausufernd.
Das hing auch mit meiner Entdeckung des Sommers 2015 zusammen. Bob Dylan. – Was?!  – Ja. Für mich. Ich konnte  zum ersten Mal etwas mit ihm anfangen. Wie früher  „Blowing in the wind“ gesungen und überall als  Kulturgut vermittelt wurde, hatte mich völlig vergrault. Suspekt waren mir immer auch diejenigen, die für die Dauer einer stumpf-trübsinnigen Überlandfahrt glauben, sie befänden sich in den freien 60igern und müssten nun diesem Gefühl Ausdruck verleihen, indem sie zu „Mr. Tambourine Man“ auf der Mundharmonika quietschen. Aber dann hörte ich  „Standing in the doorway“, „It’s not dark yet“ oder „Tin Angel“. Diese Lieder zerstreuten  alle meine bisherigen Vorurteile.
Die Leichtigkeit, die klaren, traditionellen Songstrukturen begeisterten mich. Sie erinnerten mich daran, was ein gutes Lied im Grunde ausmacht. Text und Melodie. An solchen lakonischen Liedern wollte ich mich auch probieren…
Ewig schwirrte schon die Refrainmelodie von „Es bleibt noch Zeit“  bei mir herum. Vor der Volksbühne, auf irgendeinem Flyer las ich dann dieses Oscar Wilde Zitat, das  ich für die Melodie zurechtschliff. „Und am Ende wird’s schon gut und wenn’s nicht gut ist, bleibt noch Zeit“. Das sagen meiner Meinung nach oftmals die Menschen, die jede Situation und Lebenslage mit einem weisen, aufmunternden Spruch bewältigen. Das sagen die, welche immer schnell einen Abschluss finden und sofort weiter machen können. Diese Menschen sagen verständig: „So ist das Leben“. Und da man mit dieser Haltung alle Gebiete und Themen erschließen, oder besser hinter sich lassen kann, sollten sich einige dieser Erschließungen oder Hinterlassenschaften in dem Lied selbst vorstellen. Wie oft ist diese Haltung nicht auch in Liedern zu finden?! Die Müdigkeit und Langeweile, die dieses Allerweltgebrabbel beherbergt, wird durch die Länge des Liedes unterstrichen. Es ist nur allzu verständlich, dass niemand von uns große Lust verspürt, dieses Lied zu üben. Deswegen üben wir es auch nicht. Aber wenn wir es live spielen, dann macht es großen Spaß, auch weil es so gar nicht zu dem ernsten und traurigen Kanalkram zu passen scheint. Aber Kanal sollte immer auch witzig sein und sich vor allem selbst brechen dürfen…
Als Gegenstück könnte das Lied „All Das“ gesehen werden. Das ist auch so ein neuer Ton bei Kanal.
„Dann dass all das ein Stern wird in der Nacht“ – ja zugegeben, das ist ein wenig schwülstig. Aber auch das ist ein Zitat.  Marcel Proust rechtfertigt damit (schon bei ihm ist es ein Zitat)  im letzten Band der „Recherche du temps perdu“ sein Vorhaben, einen riesigen und umfassenden Roman zu schreiben, in dem alle Momente und Wandlungen eines Lebens beschrieben werden. Daraus wurden dann jene unsagbar langen sieben Bände. Das ist natürlich 19. Jahrhundert und passt so gar nicht mehr. Mir ist aber der Versuch, bestimmte Momente, Gedanken und Stimmungen festzuhalten, sympathisch und vertraut. Wobei man auch sagen könnte, dass eben in der Bearbeitung und Transfusion diese Momente erst erkennbar werden. Damit unterscheidet sich dieses Bemühen Gott sei Dank eindeutig von dem Bilder- und Archivierungswahn des Digitalen. Wenn man will, kann man in denen zu Sternen gewordenen Momenten eben das Gegenteil von einem in die Zukunft verliebten „Es bleibt noch Zeit“ sehen.
Auch wenn die Stimmungen, Gedanken und Tage keine Sterne werden, so sind sie doch für einen kurzen Augenblick in den Strophen von All das aufbewahrt und warten darauf, entdeckt zu werden. Von euch, von uns, von mir.
Wenn man Stimmungen beschreiben möchte, bedarf es einer Stimme. Aber welcher? Der rauen, kratzigen, müden, liebevollen? Der wütenden rachsüchtigen, der verliebten, sehnsüchtigen, der gleichgültigen, der erregten, der mitteilungsbedürftigen Stimme? Oder sind diese gestimmten Stimmen schon die ganze Stimmung? Vielleicht gibt es aber eine zurückgezogene, anteilnehmend beobachtende Stimme, durch die alle anderen erst zu Wort kommen. Ist ein Text/Lied/Kunstwerk nicht so eine, das Gebrabbel in Form bringende Stimme? Darum geht es in dem Lied „Die Stimmen“ So gesehen trifft das dann auf alle Lieder zu. Egal, ob in einem Lied nur eine Stimme zu Wort kommt, oder ob es viele vereint wie bei „Es bleibt noch Zeit“
Aus dieser Perspektive heraus werden vielleicht auch Lieder wie „Das Blumenmädchen“ verständlich, das ich für eines meiner lustigsten halte. Eben weil es so eine traurig abgehalfterte Männerstimme ist, die da singt. Ihre materielle Manifestation lässt sich in den Umkleideräumen beobachten, wo in metallenen Spinten sehnsüchtig abgelaufene Kalender-Sirenen warten. Was für ein Spaß und auch wie traurig, oder auch nicht, wie man will. In jedem Fall ist das Blumenmädchen stark inspiriert durch das Alexanderlied. Da kommen schon jede Menge Blumenmädchen vor, die  die schwertraumatisierten Ritter wieder aufpäppeln.
Oder „Windlochpfeifer“ oder „Die Schwalben“, oder, oder

DIE STIMMEN: AUFNEHMEN

Die Grundgerüste nahmen wir an unterschiedlichen Wochenenden verteilt von Ende 2016 bis Frühjahr 2017 im Culture Container Berlin auf.  Das waren wunderschöne, oftmals vernebelte Tage mit Franz Rodeck in seinem Studio auf dem ehemaligen Bar 25 Gelände in Berlin. Das ging meistens so: Hannes, Felix und Ich probten Freitag, Samstag 2-3 Lieder. Am Sonntag spielten wir sie dann bei Franz ein. Einmal oder Zehnmal. Gitarre, Piano und Schlagzeug waren so relativ schnell aufgenommen. Der Metallofen bollerte und Franz suchte irgendwelche Kabel oder fehlerhafte Steckverbindungen. „Das ist das, woran ich gerade arbeite.“ maulte er einmal seinen Assistenten an. Und das stimmte auch.  Das war so hübsch und familiär. Wie ich es vermisse, jetzt wenn ich daran denke.
Danach wurden die anderen Instrumente drüber gespielt. Die Geige, der Bass, weitere Gitarren und der Gesang. Bei Felix in seiner WG, im Proberaum, in Benjamins Studio in Cottbus, in den SAE Studios Berlin. Das dauerte nochmal ein halbes Jahr. Dann hatten wir keine Lust mehr und machten anderes.
Benjamin mixte dann das Album und im Februar 2018 wurde dann doch noch alles fertig.

DIE STIMMEN: ARTWORK

Auf Facebook stieß ich auf die Peter-Brüder. Ihre Bilder gefielen mir. Gefragt, getan. Sie haben uns eines der schönsten Covers geschenkt, die wir je hatten. Ein Blitz.  Man kann die Linien ewig verfolgen und sich fragen, ob er nun die Form zerstört oder die Form ihn aufnimmt. Oder man sieht einen Fingerabdruck darin. Oder. Oder…

 

Das Album kann hier bestellt und gekauft werden.